Amazonasexpedition

Oi gente,

Ich hatte die einzigartige Möglichkeit, in den Amazonas zu reisen und den Urwald zu erkunden.
Die erste Nacht meiner Reise habe ich in Manaus verbracht. Die zwei Millionen Einwohner zählende Stadt liegt mitten im Dschungel. Um dorthin zu kommen, musste ich nach Umstieg in São Paulo, wo ich schon auf andere Austauschschüler, die an der Reise teilnahmen, traf, noch weitere vier Stunden quer über den halben Kontinent fliegen. Schon vom Flugzeug aus habe ich von oben das endlose Grün des Regenwalds bewundern können.
Nach meiner Ankunft haben wir den Rest des Tages im Hotel verbracht.
Am nächsten Tag hatten wir eine Stadttour durch Manaus. Die Stadt erlangte durch Kautschukhandel im 19. Jahrhundert an Reichtum. In dieser Zeit wurde ein sehr prächtiges Theater gebaut. Viel mehr hat diese Stadt aber an Sehenswürdigkeiten nicht zu bieten.
Nach zwei Stunden Fahrt auf der Autobahn mitten durch die Wildnis sind wir in Presidente Figueiredo angekommen. Vor Einbruch der Nacht sind wir zu einer Wanderung mitten durch den Wald los. Wir waren eine Gruppe von fünfzehn Leuten und hatten einen Führer, der uns auf einem Trampelpfad zwei Kilometer bis hin zu einer großen Höhle brachte. An ihrem Eingang kam sogar ein kleiner Wasserfall von weit oben herunter. Wir sind in die Höhle hinein und Fledermäuse sind uns entgegen geflogen. Am Boden war Wasser und ich bin bis an die Knöchel nass geworden, sogar Fische schwammen dort. Ein paar hundert Meter weiter tiefer in den Gängen haben wir unsere Taschenlampen ausgeschaltet und es herrschte absolute Dunkelheit. Wieder zurück im Wald war bereits die Nacht hereingebrochen. Auf dem Rückweg haben wir an einem anderen Wasserfall Halt gemacht. Dieser war auch am Eingang einer Höhle. Hier konnten wir ins Wasser, das bis über die Knie ging. Allerdings bin ich am ganzen Körper nass geworden, da ich mir nicht die Gelegenheit entgehen lassen wollte, in einem Wasserfall mitten im Dschungel zu duschen. Plötzlich ging ein Schrecken durch die Menge, da jemand bemerkt hatte, dass ca. 50 m von uns ein Alligator im Fels saß. Der war aber ziemlich friedlich und hat sich nicht sonderlich für uns interessiert, wir sind also alle wieder mit allen Gliedmaßen davon gekommen. Weiter auf dem Pfad haben wir ein paar Mal alle unsere Lichter ausgeschaltet um den Geräuschen der Nacht zu lauschen. Unzählige Insekten, Kröten und sonstige wilde Tiere bieten ein einzigartiges Konzert.
Am nächsten Tag waren wir nach dem Frühstück an einem anderen Wasserfall, der in einem tiefen Becken mündet. Wir konnten von einem Steg springen und im Wasser umzingelt von der grünen Vegetation baden.
Auf dem Rückweg zur Pension wurden wir vom Regen überrascht. Nicht umsonst heißt es Regenwald. Es regnet häufig, mal länger, mal kürzer, das Wetter ist sehr wechselhaft. Es hat immer zwischen 23 und 33°C, es ist aber sehr schwül und deshalb kommt es einem noch wärmer vor.
Vormittags sind wir auch schon wieder zurück nach Manaus gefahren. Dort sind wir auf die Boote, die uns für die nächsten sechs Nächte beherbergten. Wir waren insgesamt 69 Austauschschüler und haben uns auf drei Schiffe aufgeteilt. Auf meinem Boot waren 23 Jugendliche aus Taiwan, den USA, Dänemark, Thailand, Frankreich, Mexiko und Deutschland. Wir verstehen uns alle sehr gut und haben uns schnell angefreundet. Auch wenn wir alle hier Portugiesisch lernen, unterhalten wir uns zum Großteil auf Englisch, teilweise aber auch mehrsprachig. Es war auch immer sehr amüsant, wenn wir versucht haben, uns gegenseitig Wörter unserer Heimatsprachen beizubringen.
Neben den drei Booten auf denen wir den Großteil unserer Zeit verbrachten, gab es noch ein sehr wichtiges viertes: das Restaurant.
Nachmittags fuhren wir von Manaus weg zum Zusammenfluss des Rio Negro und des Rio Solimões, die gemeinsam den Amazonas bilden. Die beiden Flüsse unterscheiden sich in Fließgeschwindigkeit, Zusammensetzung des Wassers und der Temperatur. Diese drei Faktoren sorgen dafür, dass sich das Wasser nicht einfach vermischt, sondern kilometerlang eine Linie zwischen dem schwarzen Wasser des Rio Negro und dem braunen des Solimões zu erkennen ist. Nach Bewunderung dieses einzigartigen Phänomens sind wir wieder umgekehrt Richtung Manaus auf dem Rio Negro (den man inoffiziell auch Amazonas nennen darf). Der Fluss ist so gigantisch, dass er allein schon in seiner Breite vielmehr einem großen See gleicht. Wenn man an Land steht, dann sieht man das andere Ufer nur als Streifen am Horizont.
Am Abend haben wir angehalten, um die Vitória-Régia, die größte Wasserpflanze der Welt zu bewundern. Bis zu drei Meter Durchmesser können die kreisrunden, grünen Blätter der Seerosen haben. Eine Legende der Indios besagt, dass sich ein wunderschönes Mädchen einst in den Mond verliebte. Sie sah sein Spiegelbild im Wasser, wollte ihm nahe sein und ertrank. Ihr zu Gedenken schuf der Gott diese Pflanze. Am Ufer haben wir in den Bäumen sogar schon Affen und ein Faultier gesichtet.
Die Geschichte erzählte uns einer unserer Begleiter: Ananias. Bis er 14 Jahre alt wurde, wuchs er in einem Stamm auf, bis er von einem amerikanischen Missionars Paar adoptiert und in die Stadt genommen wurde. Von allen in Manaus registrierten Fremdenführern ist er der einzige Ureinwohner.
Wir haben auf dem Boot in Hängematten geschlafen, die wir nachts auf- und morgens abhingen. In ihnen zu schlafen ist sogar sehr bequem.
Am nächsten Tag haben wir vormittags ein Indianerdorf besucht. Wir wurden mit Tanzritualen freundlich begrüßt. Im Dorf konnten wir verschiedenes traditionelles Essen probieren, zum Beispiel Ameisen (schmeckt nussig, ein bisschen nach Popcorn). Ich habe mir außerdem von einem Indio-Mädchen mein Gesicht traditionell bemalen lassen. Es war sehr interessant, diese mir völlig fremde Kultur und Lebensart kennen zu lernen. Wenn die Touristen weg sind, schlüpfen die Indianer aber wohl auch in moderne Kleidung.
Nach dem Mittagessen zurück auf dem Boot (von Ameisen allein wird man nicht satt) sind wir auf kleinere Boote umgestiegen, um durch die Nebenflüsse zu schippern. Der Fluss gewinnt in der Regenzeit gerade an Wasser und wird um bis zu 20 Meter höher. So entsteht eine verwunderliche Landschaft, in der Baumstämme und Kronen aus dem Wasser ragen. Der Amazonas ist der einzige Lebensraum, in dem Fische ihre Laiche in Baumkronen ablegen.
Wir haben hier die größte Baumart des Amazonas und die zweitgrößte der Welt gesehen. Am Stamm des Baumes konnte man Ameisen hochwandern sehen. Die Pflanze ist ein eigenes Biotop. Man bräuchte 15 bis 20 Personen, um einen dieser Bäume zu umarmen.
Nachdem ich bereits eine Indianersiedlung gesehenen habe, haben wir auch noch zwei zivilisierte Gemeinden besucht. Die Menschen hier leben ein ganz anderes Leben, mitten in der Natur, ohne Internet und Handyempfang. Autos gibt es nicht, Boote auf dem Fluss dienen als Transportmittel. Mit Fischerei verdienen sich die meisten ihr Einkommen.
In der ersten Gemeinde, in der ich war, haben wir die Maniok-Verarbeitung betrachtet.
Die Maniok-Kartoffel ist in Brasilien ein sehr wichtiges Nahrungsmittel und wird von Nord bis Süd verzehrt. Wenn nicht gekocht, dann ist sie als Mehl farofa bei jeder Mahlzeit als Beilage zu Reis und Bohen dabei. Im Süden eher selten ist allerdings Tapioka, eine Art Pfannkuchen, der aus der geraspelten und getrockneten Kartoffel hergestellt wird. Der Zubereitung in Handarbeit und ohne Strom, nur mit Muskelkraft und auf dem Feuer durfte ich hier beiwohnen.
In der Siedlung stand außerdem eine Açaí-Palme, aus der ein in Brasilien sehr beliebtes Eis hergestellt wird. Um die Frucht zu ernten, muss man zuerst den Stamm bis ganz nach oben klettern. Uns wurde die richtige Technik gezeigt und ich ließ es mir nicht nehmen, es auch zu versuchen. Ich war eine der wenigen Besucher, die es geschafft hat bis ganz nach oben zu kommen und habe einen Zweig voll Açaí ergattert.
Wir haben auch eine Schule besucht. Die Schüler warten das ganze Jahr auf die Gäste aus aller Welt. Sie haben uns von ihrem Alltag erzählt und typische Tänze aufgeführt. Es wurde ein Fußballspiel der Ortsansässigen gegen uns Austauschschüler verantstaltet, bei dem ich als Fan dabei war. Wie jede einzelne Gruppe Austauschschüler vor uns, hatten auch wir keine Chance und unterliegen den Bewohnern. Man muss aber auch anmerken, dass zu unserer Niederlage vermutlich das tropische Klima, das wir nicht gewohnt sind, beigetragen hat.
An einem Nachmittag hat uns ein Amazonas-Bewohner durch den Wald geführt und uns die Medizin der Natur vorgestellt. Wer weiß wo, findet hier Mittel gegen alle Leiden, von Verstopfung über Durchfall bis Malaria.
Die Flora und Fauna dieses Waldes ist einzigartig. Ein paarmal sind wir mit kleinen Booten durch die Flüsse gefahren, um die Tierwelt genauer zu erkunden. Ich durfte ein Faultier (sehr weich) und kleine Alligatoren (gar nicht so furchteinflößend) in den Händen halten. Nachdem wir die überraschend zutraulichen wilden Tiere in unsere kleinen Boote geholt haben, ließen wir sie aber natürlich schnellstmöglich wieder in die freie Wildbahn. 
An einem Tag sind wir frühmorgens aufgestanden, um Piranhas zu angeln. Wir saßen in kleinen Booten mit unseren Angeln im Wasser und haben gewartet, bis einer der Fische anbiss. Nachdem wir sie kurz betrachtet haben, ließen wir sie gleich wieder ins Wasser. Besonders gefährlich sind die Beißer entgegen des Mythos nicht. Solange sie nicht mit viel Blut in Berührung kommen, sind sie ganz ungefährlich. Auch nachdem ich ein paarmal im Fluss war, bin ich noch im Besitz all meiner Zehen.
Gefährlicher ist da schon die Anakonda. Die bis zu fünf Meter lange Schlange wird bis zu 100 Jahre alt und kann, wenn sie hungrig ist, auch mal ganze Menschen verschlingen. Wir haben einen Mann besucht, der eines dieser Tiere großgezogen hat. Nur, da sie kurz vor unserem Besuch mit lebendem Huhn (totes frisst sie nicht) gefüttert wurde, war sie satt und damit ungefährlich, solange man sie nicht provoziert.
Der bezauberndste Bewohner des Amazonas ist aber wohl der rosa Flussdelfin. Laut Indianerlegende kann sich dieser sogar in einen Mensch verwandeln und kommt an Land um Mädchen zu verführen. Wenn eine junge Frau also schwanger ist und niemand weiß, wer der Vater ist, sagt man, es sei ein Kind des Delfins.
Ich hatte sogar die Möglichkeit, mit einem zu schwimmen. An einem Haus im Wasser werden die frei lebenden Tiere mit Fisch zu einem Steg gerufen, wo sie dann mit den Menschen baden. Es war unglaublich, einem so majestätischen Tier nahe zu sein.
Weniger bequemes Getier sind dagegen all die Spinnen, Ameisen und anderen Insekten, die sich hier tümmeln. Da das Wasser des Rio Negro aber sauer ist, können Moskitos hier ihre Eier nicht ablegen und das Gebiet ist somit so gut wie mückenfrei.
Eine Nacht habe ich sogar direkt im Dschungel verbracht. Unter wändelosen Hütten haben wir unsere Hängematten aufgehängt und mitten zwischen den Bewohnern des Waldes geschlafen. Nachdem unser Führer Ananias uns am Lagerfeuer von seinem Leben im Stamm und den insgesamt 60 Völkern mit über 120 Sprachen des Amazonas erzählt hat, haben wir uns schlafen gelegt. Es war eine ganz neue Erfahrung, zu all den Geräuschen der Frösche, Vögel und anderen Tiere einzuschlafen.
Am Nachmittag hat unser Boot oft angehalten und wir konnten im Fluss baden. Auch wenn allerlei Raubtiere im Fluss zuhause sind, ist es vom Ufer entfernt aber relativ sicher. 
Einmal waren wir auch an einem traumhaften Sandstrand zum sonnen und baden. Das Wasser des Amazonas soll angeblich sogar besonders gut für Haut und Haare sein und lief auch aus den Wasserhähnen und Duschen des Boots. Ich habe auch verschiedene Wassersportarten ausgeübt, zum Beispiel Stand-Up – Paddle, Kajak und sogar Banana-Boot. Wir haben auch eine Tour in kleinen Indianerbooten unternommen, in denen zwei Menschen sitzen und paddlen.
Vom Urwald haben wir uns alle auf ganz besondere Art verabschiedet: jeder hat einen Baum gepflanzt. Ich habe einen kleinen Kakaobaum in die Erde gesetzt und somit etwas von mir im Amazonas gelassen.
Am Sonntagabend sind unsere Schiffe wieder in Manaus angekommen. Unser Ziel hat sich schon mit dem Klingeln unserer Handys angekündigt, nach sechs Tagen in der Wildnis hatten alle wieder Empfang und waren nicht mehr von der Außenwelt abgeschnitten. Die socialmediafreie Zeit war aber für die wenigsten ein Problem, wir hatten ja uns gegenseitig.
Unsere Begleitpersonen meinten immer, im Amazon gibt es keine Zeit. Wir hatten nie feste Treffpunkte und kein Wecker hat den Schlaf gestört. Da wir auf unseren Schiffen aber natürlich nicht weit konnten, wurden wir immer einfach zum Essen oder den Aktivitäten gerufen.
Mich verwundert ein wenig, dass wir nie über die Bedrohung des Regenwalds gesprochen haben. Während die Abholzung in Europa ständig präsent ist und oft in sämtlichen Medien behandelt wird, so wird vor Ort wenig darüber gesprochen. Ist man im Wald selbst, erscheint er ja auch kolossal und unendlich. Erst, wenn man die Entwicklung auf Satellitenbildern betrachtet, erkennt man, welchen Schaden der Mensch der Natur zufügt. Wir als Touristen hatten bei unserer Reise einige Regelungen, um im Amazonas-Gebiet verkehren zu dürfen. Es mussten zum Beispiel abends alle Motoren ausgeschaltet werden und durften erst wieder vormittags funktionieren, um die Umwelt nicht zu sehr zu stören.
Nach den Tagen unserer Expedition haben wir die Heimreise zu unseren Gastfamilien angetreten. Es war ziemlich traurig, sich von all den neu gewonnen Freunden zu verabschieden. Einige habe ich sogar schon bei meiner Reise nach Rio de Janeiro kennengelernt. Ich sehe es als sehr bereichernd, Jugendliche aus allen Ecken der Welt näher kennen zu lernen und über ihr Leben zu erfahren. Ich hoffe, dass ich sie eines Tages alle besuchen kann.
Meine Tage im Amazonas waren unglaublich eindrucksvoll und ich habe so viele Tiere und Pflanzen, Menschen, Kulturen und Lebensweisen kennengelernt, von denen ich mir nicht hätte vorstellen können, dass sie in dieser Weise existieren. Ich werde diese Reise wohl nie vergessen.

Beijos,

Maria



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Kommentare

  1. Wahnsinnige Bilder... Das war bestimmt mega aufregend und spannend. Ich bin selber total aufgeregt auf meinen Schüleraustausch in Südamerika aber dein Blog gibt mir etwas Ruhe :)

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